sabine bomeier
sabine bomeier

Sind wir das literarische Lumpenproletariat?

Sind wir das Literarische Lumpenproletariat?

Immer mehr Selfpublisher erobern den Buchmarkt, mit mehr oder weniger guter Schreibe und auch mit mehr oder weniger Erfolg. Aber fast immer geächtet von den Etablierten im Literaturbetrieb.

 

Als literarisches Lumpenproletariat bezeichnete der freie Journalist, Schriftsteller und Kommunikationsberater Markus Ridder schon im Jahre 2015 sich selbst, nicht ohne Ironie, auf seiner Website. Er kam darauf, weil er immer wieder Ablehnung erfuhr, denn er ist ein Selfpublisher, das heißt, er verzichtet auf einen Verlag und übernimmt die Vermarktung seiner Bücher selbst, was nicht immer einfach ist.

 

Ich weiß das, denn auch ich gehöre in diese Gruppe, auch ich gebe meine Bücher als Selfpublisherin heraus, suhle mich also im literarischen unteren Sumpf. Wir schreiben unsere Bücher nicht nur selbst, wir verfassen auch Pressemitteilungen und sprechen Blogger an, um unsere Bücher unter die Leser zu bringen. Und wir hoffen täglich auf den großen Durchbruch, oder wenigstens auf das Entdecktwerden. Lektoren sollen ja angeblich in den Foren auf Facebook mitlesen und so nach Talenten Ausschau halten. Ob´s stimmt? Wer weiß das schon wirklich? Und wenn´s nicht so läuft wie erhofft, dann bekommen wir eine Krise, zweifeln an uns selbst und grübeln darüber, was wir besser oder anders machen müssen.

 

Wir werden nur selten, und auch dann nur ungern, von den Kulturjournalisten der großen Medien besprochen, denn was wir machen - na, das kann ja nur Schrott sein. Wer keinen Verlag gefunden hat, ist es nicht wert in den Olymp der Literaturschaffenden aufgenommen zu werden. Stimmt oft auch. Einige nutzen das Schreiben, um ihrer etwas allzu freizügigen Darstellung von oft menschenverachtender Pornographie einen Raum zu geben, womit ich nichts gegen gute Pornos gesagt haben möchte. Überhaupt möchte ich nicht eines der vielen Genres bewerten. Darum geht es hier nicht. Andere wiederum versuchen gar nicht erst einen Verlag zu finden, weil ihnen das zu umständlich anmutet oder sie ihre Ungebundenheit schätzen.

 

Einige von uns scheinen ihr Gewerbe zudem eher unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten anzugehen. So traf ich neulich einen Kollegen, der mir erzählte, Belletristik dürfe nie mehr als 220 Normseiten umfassen und ein Buch müsse innerhalb weniger Wochen geschrieben sein, sonst lohne sich der  Aufwand nicht. Demnach würden eine ganze Menge Bestseller-Autoren einiges falsch machen.

 

Aber wenn man sich an die von ihm aufgestellten Regeln halte, so meinte der Kollege weiter, dann sei Selfpublishing eine gute Möglichkeit des passiven Gelderwerbs. Ich zumindest bin keinesfalls passiv beim Schreiben. Das ist Recherche, ständiges Überarbeiten der Texte – also schlicht Arbeit.

 

Und es gibt viele Selfpublisher, die sehr wohl von einer Art Sendungsbewusstsein getrieben sind, wie ja auch die „richtigen“ Autoren es sein sollten. Wir alle haben Erfahrungen gemacht, die wir einerseits mit dem Schreiben verarbeiten und mit denen wir andererseits Einblicke geben wollen in Bereiche, die anderen verborgen sind. Auch von uns Selfpublishern gibt es Bücher über Erfahrungen der Überlebenden in den KZs der Nazis, ebenso wie Bücher trockener Alkoholiker, daneben aber auch wunderschöne Kinderbücher oder hervorragend recherchierte historische Romane. Alles ist möglich. Auch wir haben etwas zu sagen. Ob zu recht, das mögen die Leser entscheiden.

 

Gut, einige Selfpublisher gleiten zuweilen ab ins Kitschige oder kriegen den roten Faden einer Geschichte nicht zu fassen. Zudem schleichen sich Fehler ein, weil wir kein richtiges Lektorat bezahlen können und, auch das muss man zugeben, einige von uns scheinen nicht einmal die Grundregeln der Rechtschreibung zu beherrschen. Da wäre ein gutes Korrektorat dann schon sinnvoll, denn etwas zu sagen hat oft auch, wer die Rechtschreibung, aus welchen Gründen auch immer, nicht beherrscht.

 

Aber all das, mit Ausnahme von übermäßig vielen Rechtschreibfehlern, den Lektoren sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt,  gibt es auch bei Autoren, die bei einem „richtigen“ Verlag unter Vertag stehen. Auch da habe ich schon, man verzeihe es mir den Ausdruck, richtigen Mist gelesen.

 

Aber es gibt auch sehr, sehr gute Texte von Selfpublishern (meine gehören selbstredend auch dazu, ich werde mich hier doch nicht selber runtermachen). Uns nur mit dem Vorurteil „die können eh nix“ zu begegnen ist falsch, zumal wir ja keinesfalls ohne Erfolg sind. Wir haben gut besuchte Lesungen, die sehr wohl anständig bezahlt werden und auch unsere Bücher verkaufen sich oft recht gut. Wieso dann also diese Diskriminierung?

 

Ich weiß, wovon ich rede. Auch mir hat man in einem Literaturverein schon gesagt, dass man sich dort grundsätzlich nicht mit Selfpublishern beschäftigen würde. Warum genau das so ist, hat man mir nicht gesagt. Ich bin dann eben wieder gegangen.

 

Aber vieles ist als Selfpublisher auch einfacher. Wir müssen nicht Jahre warten, bis ein Verlag endlich fertig ist mit der Überarbeitung unseres Manuskriptes. Wir müssen nicht noch  irgendwo eine kleine Liebesgeschichte einbauen, weil es sich dann doch „viel besser verkaufen würde“. Wir entscheiden selbst, was in unseren Büchern steht, müssen uns von niemandem dreinreden lassen. Und, nicht zuletzt, sind unsere Tantiemen auch höher, sofern wir unsere Bücher nicht für 0,99 Cent als E-Book verschleudern.

 

Und der Markt wächst. Einige von uns veröffentlichen nur ein einziges Buch in ihrem Leben, andere durchaus mehrere und das regelmäßig. Sie können davon offensichtlich leben, wie zum Beispiel Emely Bold, die mehrere Liebesromane geschrieben hat und inzwischen von Verlagen umworben wird. Oder auch Hanni Münzer, die mit ihrem Werk „Honigtot“ in die Spiegel-Bestsellerliste kam und heute ebenfalls bei einem Verlag unter Vertrag ist. Ist der Erfolg da, kommt auch der Verlag. Und auch wir schlüpfen dann gerne unter die kuschelig-sichere Decke eines Verlages. Es schreibt sich dort eben doch abgesicherter.

 

Letztlich werden sich aber die großen Verlage der Herausforderung stellen müssen, Arroganz alleine wird ihre Herrschaft über den Buchhandel nicht aufrechterhalten. Die Grenzen zwischen Verlag, Buchhandel und  Autoren verschwimmen immer mehr. Und auch die Möglichkeiten des Selfpublishings wachsen mit dem Internet, sozialen Medien und guten Distributoren.

 

Matthias Mattig, selbst ein erfolgreicher Selbstvermarkter seiner Bücher, veröffentlichte in seiner Selfpublisher-Studie 2015 wohl erstmals verlässliche Daten zum Thema Selfpublishing. Zugegeben, viel verdienen die meisten von uns nicht mit dem Schreibe, knapp 300 Euro. Da braucht es noch einen anderen Job nebenher. Aber ist das bei den Verlags-Autoren, die keine Bestseller schreiben, wirklich anders? Waren wir einst noch hauptsächlich im E-Book-Geschäft zu finden, so scheint es nun auch bei den Selfpublishern, respektive bei ihren Leserinnen und Lesern eine Rückkehr zum gedruckten Buch zu geben. Das mag auch daran liegen, dass immer mehr von uns einen Distributor heranziehen, wir uns also nach wie vor selber um die Vermarktung kümmern müssen, aber nicht mehr darum, wie das Buch zum Leser oder zur Leserin kommt – eine große Erleichterung. Damit sind unsere Werke in der Regel auch über den regionalen Buchhandel beziehbar. Toll!

 

Der zu Beginn genannte Autor hat die Aufmerksamkeit der Medien übrigens auf sich gezogen, indem er einen kleinen Skandal produzierte (er verschickte Todesanzeigen betreffs seiner Protagonisten). Mit so einem kleinen Gezeter um irgendwelche, noch nicht einmal existenten Personen sind auch wir Selfpublisher gut genug um besprochen zu werden. Immerhin verkaufen sich seine inzwischen zahlreichen Bücher nun geradezu bestens.

Trotz aller Schwierigkeiten und Missachtung durch „seriöse“ Schreiber und Schreiberinnen gibt es nichts Schöneres und Befriedigenderes für mich als Schreiben. Es ist zum einen das Spiel mit den Worten, aber auch das Abtauchen in andere Welten, die das Autorendasein so ungemein faszinierend macht.

 

© Sabine Bomeier

 

 

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