sabine bomeier
sabine bomeier

Schreiben hinter Gittern

Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit werden mehr als 70 Zeitungen in bundesdeutschen Haftanstalten hergestellt, oft unter schwierigsten Bedingungen.

Karl Meier (1) sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Manuskripte und Zeitungen türmen. ”So kannst du das nicht schreiben, darüber müssen wir noch mal reden”, kritisiert er seinen Kollegen Jan Mester (1), der ihm gegenüber sitzt, und reicht ihm die frisch ausgedruckten Blätter zurück. Auf den ersten Blick ein normaler Redaktionsalltag – wären da nicht die vergitterten Fenster. Meier und Mester sind Redakteure der Gefangenenzeitung ”Diskus 70” der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bremen. Und sie sind Gefangene, verurteilt zu mehrjährigen Haftstrafen.


Rund 70 Gefangenenzeitungen gibt es in Deutschland. Die Zahl variiert stark. In der Dokumentationsstelle für Gefangenenliteratur der Universität Münster geht man von über 50 Zeitungen in den Haftanstalten der alten Bundesländer aus, etwa 20 Blätter werden in den neuen Bundesländern produziert. Ständig werden neue Zeitungen von enthusiastischen Gefangenen gegründet, die die Aufgabe unterschätzt haben und wohl auch seitens der Anstalt zu wenig Unterstützung erfahren. Immer wieder kommt es zu Einstellungen. Allein Ende 2004 waren es 30.

Im Zuge der Strafvollzugsreform in den 70er Jahren gewannen die Gefangenenzeitungen in der Bundesrepublik an Bedeutung. Aus den bis dahin bestenfalls moralisch erbaulichen Blättchen mit netten Gedichten und lieben Grüßen an die Familie daheim, wurden Zeitungen mit einem politischen Anspruch. Sowohl der  ”Diskus 70” als auch der Berliner ”Lichtblick” entstanden aus dem Vorhaben, den Strafvollzug zu humanisieren. Nicht mehr die Strafe sollte im Mittelpunkt der Haft stehen, sondern die Resozialisierung.


Gleichzeitig war man bemüht, den Strafvollzug transparenter zu gestalten. Da passten selbst gemachte Zeitungen gut ins Konzept. Studierende, vorwiegend der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten strömten zuhauf in die Knäste, um den Inhaftierten bei der Zeitungsmache helfend zur Seite zu stehen.


Ganz so liberal mag man das heute nicht mehr sehen. Von den Reformen der 70er Jahre ist fast nichts mehr übrig geblieben. Der überall gegenwärtige Sparzwang und die Idee des humanen Strafvollzugs lassen sich kaum in Einklang miteinander bringen.
Dennoch ermöglichen die Zeitungen den Gefangenen, ihre Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Und oft ist es die einzige Möglichkeit, denn Gefängnisse sind ein in sich geschlossenes System. Was hinter den Mauern geschieht, ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. ”Freie” Medien zeigen in der Regel nur Interesse anlässlich spektakulärer Ereignisse.

In den neuen Bundesländern blüht die Medienlandschaft hinter Gittern erst seit der Wende. Zu DDR-Zeiten waren Gefangenenzeitungen verboten. Wer dennoch wagte, Druckerzeugnisse, in welcher Form und unter welchen Umständen auch immer, zu produzieren oder gar zu verbreiten, der riskierte eine mehrjährige Haftstrafe.


Die Redakteure der Knastzeitungen wollen zeigen, dass in den Zellen keine Monster, sondern Menschen sitzen, die irgendwann in die Gesellschaft zurückkehren. Sie wollen aber auch den Mitgefangenen eine Informationsplattform bieten. Und schon verheddern sie sich in einem Zielgruppenspagat. Einerseits wollen sie Sozialarbeitern, Rechtspflegern und Medienvertreter ansprechen, allesamt Menschen mit einem gewissen Bildungsniveau. Diese erfahren aus der Gefangenenpresse oft mehr über die Zustände im Vollzug als bei einem Gespräch mit einzelnen Inhaftierten in der Anstalt. Diese Gespräche bleiben oft zu sehr auf der persönlichen Ebene und es fällt schwer zu unterscheiden, was ein allgemeines Problem ist und was lediglich auf die Empfindlichkeit Einzelner zurückzuführen ist. Ist zum Beispiel die Verpflegung wirklich so schlecht oder hat der Küchenchef bloß mal wieder nicht den Geschmack von einigen Gourmets getroffen? Andererseits wollen die Redakteure für den Zellennachbarn schreiben, der oft genug des Lesens nicht so richtig mächtig ist. Das Bildungsniveau in den Knästen ist extrem gering.

In der Hoffnung auf Resonanz verschicken die Redakteure ihr Blatt auch an die örtlichen Redaktionen. Ob es dort aber auch gelesen wird, hängt wohl nicht zuletzt von der Qualität der Berichterstattung in den Gefangenenzeitungen ab. Nur wenige Redakteure in den „Richtigen „ Redaktionen  blättern die Gefangenenzeitungen wenigstens durch. Zugegeben, sie finden nur selten Artikel darin, die es ihr wert sind, sie redaktionell für ihre Zeitung aufzuarbeiten. Aber eine Informationsquelle ist die Zeitung aus dem Knast schon.

Und auch bei der Themenwahl wird eine Lesergruppe stets unbefriedigt bleiben. Der Knacki will nicht wissen, wie der monatliche Einkauf abläuft. Das weiß er, er erlebt es. Aber genau das interessiert womöglich den Menschen draußen, der wissen will, wie der vergitterte Alltag aussieht. Die Zeitungen liegen auch in den Besucherräumen aus und werden von den Angehörigen der Inhaftierten gelesen. Die Tochter kann so erfahren, wie der Alltag des Vaters aussieht. Der Knacki dagegen will in verständlicher Form von Gesetzesänderungen erfahren. Für die Redakteure der Gefangenenzeitungen ist diese Zielgruppenakrobatik im Grunde nicht zufriedenstellend zu lösen. Meier und Mester sehen ihre Aufgabe in erster Linie darin, für die Menschen draußen zu schreiben, denn ”mit denen hier drinnen können wir ja auch reden”, ist Meier überzeugt. Sie wollen anderen zeigen, wie es hinter den Gittern aussieht und das Leben im Vollzug enttabuisieren.


Die Zeitungen selbst präsentieren sich sehr unterschiedlich. Einige Blätter sind höchst professionell gemacht, mit ansprechendem Layout und guter Schreibe. Neben den zwei ältesten Gefangenenzeitungen, dem ”Diskus 70” und dem ”Lichtblick” sticht ”Unsere Zeitung” aus der JVA Brandenburg mit journalistisch gut aufgearbeiteten Texten hervor. Andere Zeitungen erreichen kaum das Niveau von Schülerzeitungen. Die Auflagengenhöhe ist unterschiedlich. Knapp die Hälfte kommt mit rund 500 Exemplaren auf den Markt, die höchste Auflage mit über 6000 Stück wird in Berlin produziert.


Wie gut eine Gefangenenzeitung ist, hängt immer von den jeweiligen Redakteuren ab. Nur selten sind es journalistisch ausgebildete Schreiber. Auch Meier und Mester haben sich ihr Wissen selbst aneignen müssen. Der gelernte Koch Meier hat sich inzwischen zu einem geschickten Layouter entwickelt. Gezeigt hat es ihm niemand. Er hat sich ”irgendwie so durchgewurschtelt”. Und auch der promovierte Akademiker Mester hatte vor seiner Haft keine Ahnung vom Zeitungmachen. Heute schreibt er Artikel und redigiert Texte, kann selber drucken und den Vertrieb organisieren.


Recherche im Internet kennen die beiden Blattmacher nicht. Zum Internet haben sie keinen Zugang. Aber sie bitten von außen kommende Vollzugshelfer und Besucher darum, für sie zu recherchieren. Da wird dann eben der Vertreter der kostenlosen Rechtsberatung gebeten, eine Internetrecherche zu machen. Die Ergebnisse in ausgedruckter Form ausgehändigt zu bekommen, stellt zumindest für die Redakteure des ”Diskus 70” kein Problem dar. Es sind Papiere, die wie Post behandelt werden. Oder sie gehen in die Anstaltsbibliothek und bestellen sich dort die Lektüre, die sie benötigen. Geduld ist angesagt. Es dauert eben alles etwas länger als draußen. Aber Zeit haben sie ja.


Post an die Redaktion wird, aus Sicherheitsgründen, vom zuständigen Beamten gelesen. Telefonieren dürfen Meier und Mester nur in der öffentlichen Telefonzelle der Anstalt mit einer Telefonkarte, die sie vom eigenen Geld bezahlen müssen. Treffen mit Interviewpartnern müssen, ebenfalls aus Sicherheitsgründen, vorher mit der Anstaltsleitung abgesprochen werden. Erst wenn die Genehmigung vorliegt, können die Redakteure ihre Einladungen verschicken. Sie selbst dürfen die Anstalt für Interviews in der Regel nicht verlassen – erst, wenn sie lockerungsberechtigt sind. Und das sind sie erst kurz vor der Entlassung.

Trotz der Schwierigkeiten bei der Informationsbeschaffung betonen die Redakteure des ”Diskus 70”, dass ihre Zeitung nicht zensiert wird. Nur einmal hätte ein Interview mit dem Anstaltsleiter nicht gedruckt werden dürfen. Als Herausgeber hat er sich das Recht genommen, diesen Text nicht veröffentlichen zu lassen. In dieser Redaktion mag die Herausnahme eines Artikels die Ausnahme sein, gleichwohl bleibt zu fragen, inwieweit nicht auch die Redakteure Mester und Meier eine Schere im Kopf haben und von vornherein an gewisse Themen nicht herangehen, auch wenn beide das bestreiten. In anderen Bundesländern wird anders mit dem Thema umgegangen. Das Justizministerium in Bayern jedenfalls erklärt ganz klar, dass Öffentlichkeitsarbeit keine Sache von Gefangenen sei, sondern ihnen obliege. Die Gefangenen der Haftanstalt Tegel in Berlin dagegen präsentieren ihre Anliegen im Internet. Das allerdings auch unter Aufsicht.


Die Zeitungen erscheinen vierteljährlich, manche auch nur alle sechs Monate. Monatliches Erscheinen ist eher die Ausnahme. Es fehlt das Geld. Gefangenenzeitungen finanzieren sich meist durch Spenden, die wie im Fall des Bremer  „Diskus 70” von einem Förderverein verwaltet werden. Der Jurist Alexander Jung, Mitglied des Fördervereins Diskus 70, sieht darin nicht die einzige Aufgabe des Vereins. ” Es geht auch darum Präsenz zu zeigen, wenn die Liberalität seitens der Anstaltsleitung mal nicht so groß ist.” und auch der promovierte Kriminologe Kai Bammann vom Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen meint, dass es viele Gefangenenzeitungen gar nicht mehr gäbe, hätten sie nicht einen Förderverein im Rücken.

Doch ganz schlecht kann das Verhältnis zur Anstaltsleitung nicht sein. Immerhin stellt sie in der Regel die Räumlichkeiten zur Verfügung und zahlt in einigen Fällen den Redakteuren ein Gehalt – wenn auch nur eines der knastüblichen, zwischen 100 und 300 Euro im Monat.

Info:
Kontaktmöglichkeiten
Wer als Pressevertreter eine Gefangenenredaktion besuchen möchte, muss nach der Kontaktaufnahme mit den Redakteuren, eine Genehmigung der zuständigen Stelle im Ministerium oder Senat einholen. Am besten bei der Pressestelle des Justizministers/-senators anfragen. Das kann sehr schnell, im Einzelfall aber auch ein paar Wochen dauern. Erst mit dieser offiziellen Genehmigung ist ein Besuch in der Anstalt möglich. In der Regel ist die Justiz sehr kooperativ.
Private Besuche werden anstaltsintern genehmigt. Aber Vorsicht: Journalisten, die sich als private Besucher ”tarnen”, werden fortan sicher nicht mehr so schnell an eine Besuchserlaubnis kommen.

 

  1. Namen von der Redaktion geändert

 

© Sabine Bomeier

 

 

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