sabine bomeier
sabine bomeier

Im Knast weihnachtet es

 

Haben Sie schon einmal die Vorweihnachtszeit im Knast verbracht? Wohl kaum. So viel anders als draußen ist es dort allerdings auch nicht. Auch hinter Gittern ist diese Zeit immer mit einer gehörigen Portion Stress verbunden. da gibt es kaum einen Unterschied zu der Welt vor den Gittern. Mit anderen Worten: Nicht einmal dort hat man seine Ruhe.

 

Es geht schon in der Adventszeit los. Da wird die Station geschmückt. Überall blitzt uns ein goldenes Sternchen oder gar ein Engelchen entgegen. Wo kommen die bloß alle auf einmal her? Hin und wieder wird dann eines dieser goldigen Dinger geklaut, was zwar streng verboten ist, aber wir sind schließlich im Knast.

Eine todesmutige Beamtin erklimmt die Leiter und hängt einen Adventskranz unter die Decke. Sieht tatsächlich nicht schlecht aus.

 

Und irgendwie steckt das an. Also will man es sich auch in der eigenen Zelle weihnachtlich gemütlich machen. Gut, dass die Praktikantin einen Bastelnachmittag anbietet. Also nix wie hin und drauf los gebastelt. Zwar erinnert mich das irgendwie an die Bastelstunde im Kindergarten und das, was dann letztlich dabei heraus kommt, dann auch. Es mag auch an meiner nicht sehr ausgeprägten Feinmotorik liegen. Wie auch immer – ich bin nun stolze Besitzerin von einigen Goldsternchen. Die werde ich mir vors Fenster hängen.

 

Beim Kaufmann werde ich Kerzen kaufen. Das muss zur Weihnachtszeit sein. Aber was muss ich da erleben? Der Kaufmann darf an uns keine Kerzen mehr verkaufen, das sei nun plötzlich zu gefährlich. Das darf ja wohl nicht wahr sein! So ein Verbot kommt zur Weihnachtszeit besonders gut. Na, wenigstens die Teelichter sind noch erlaubt. Aber auch nur für die Frauen. Die Jungs bauen zu viel Mist damit. Auch zu Weihnachten? Aber Lichterketten sind erlaubt. Na gut, auch die können ein stimmungsvolles Licht in eine vergitterte Zelle zaubern.

 

In den einzelnen Gruppen werden nun die Termine für all die anstehenden Weihnachtsfeiern besprochen. Ich überlege, ob ich mir nicht doch wieder einen Terminkalender zulegen sollte? Aber irgendwie geht es dann doch. In den nächsten Wochen hetze ich von einer Weihnachtsfeier zur anderen. Stress hin, Stress her – so komme ich wenigstens öfter mal zu einem guten Essen, was im Knast ja nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist.

 

Da fällt mir ein, dass ich ja auch noch ein paar Geschenke besorgen muss. Also noch einmal etwas Nettes basteln, was sich die Beschenkten draußen dann ganz sicher nicht in die Fenster hängen werden. Würde ich auch nicht tun. Und einpacken muss ich das Zeugs auch noch. Woher bekomme ich nun Geschenkpapier? Eine schöne Serviette tut es auch. Noch eine Schleife drum und fertig. Sieht gar nicht mal so schlecht aus.

Und schon ist der 6. Dezember da, der Nikolaustag. Und tatsächlich hängt morgens an jeder Zellentür ein kleines Säckchen, gefüllt mit Keksen und Bonbons. Also, wenn selbst der Nikolaus an uns denkt, dann können wir so schlecht auch nicht sein.

 

An den Wochenenden haben wir nun richtig viel zu tun, ganz im Gegensatz zu der sonst üblichen Langeweile gerade an diesen Tagen. Es werden Kekse gebacken, natürlich unter Anleitung einer Beamtin. Ich werde den Verdacht nicht los, dass sie das nur tut, um selbst möglichst viele von den Keksen naschen zu können. Ich kann es ihr nicht verdenken. Allerdings finde ich, habe ich selbst viel zu wenige abbekommen. Zum Ausgleich werde ich mir beim Kaufmann ein paar spezielle Weihnachtssüßigkeiten bestellen. Ich schwärme für Marzipan, was man mir leider auch ansieht.

 

Dann müssen auch noch die Besuche terminiert werden. Seltsam, wochenlang lässt sich kein Mensch bei mir sehen, aber zu Weihnachten haben alle das Gefühl, mich noch einmal besuchen zu müssen. Aber da genießt dann mein Lieblingsfreund absolute Priorität. Die anderen  hätten sich ja auch früher schon mal melden können. Denen schicke ich eine liebe Weihnachtskarte. Reicht auch.

 

Nun geht auf der Station der Streit darum los, wie denn dieses Jahr gefeiert wird? Was machen wir mit dem Geld, welches uns von der Anstaltsleitung für die Feier zur Verfügung gestellt wird? Die einen wollen ein großes, gemeinsames Essen, die anderen wollen lieber für jeden ein Geschenk nach Wunsch, wieder andere wollen von all dem gar nichts wissen und nur noch ihre Ruhe haben. Letztlich wird sich dann doch auf ein großes, gemeinsames Essen geeinigt. Wir wollen aber auch am ersten und zweiten Weihnachtstag gut essen und so beschließen wir mit ein paar Frauen, an diesen Tagen selbst zu kochen. Also muss die Bestellliste für den Kaufmann noch einmal erweitert werden. Wie viel Geld haben wir denn überhaupt noch?

Weihnachten ist nicht nur vor den Gittern das teuerste deutsche Fest. Egal, wir bestellen erst mal.

 

Und dann ist endlich Weihnachten da. Wir treffen alle zu einer wirklich schönen Weihnachtsfeier zusammen. Von der Anstalt bekommt jeder eine Kaffeetasse geschenkt, die garantiert bei der nächsten Filze wieder entfernt wird. Wir dürfen nur in sehr beschränktem Maße Geschirr in den Zellen haben. Aber die Beamtinnen wollen noch im alten Jahr dafür sorgen, dass sie auch im kommenden Jahr noch genügend Arbeit haben. Das muss man auch verstehen.

 

Die Weihnachtstage verbringen wir vorwiegend mit Essen. Wir rollen von einer Tafel zur anderen. Aber das soll ja auch draußen nicht anders sein. Nachmittags werden große Kaffeetafeln aufgebaut. Es gibt Torten. Einige können gar nicht genug davon bekommen. Diese Mengen würde selbst ich nicht wegdrücken können. Das nötigt mir einigen Respekt ab. Und das will schon etwas heißen.

 

Abends wird dann das selbst gekochte Essen in gemütlicher kleiner Runde verzehrt. Richtig lecker! Allerdings habe ich spätestens am zweiten Feiertag das Gefühl, bald platzen zu müssen. Aber auch das kenne ich von draußen.

 

Leider heißt es auch zu Weihnachten pünktlich in den Hütten zu verschwinden. Die Einschlusszeiten bleiben starr. Daran kann selbst der Weihnachtsmann nichts ändern. Und vielleicht brauchen wir jetzt auch ein paar Minuten der Ruhe und Besinnung, denn so leicht ist es nicht, gerade Weihnachten im Knast zu verbringen. Irgendwie sind wir alle denn auch ganz froh, wenn dieses Fest vorüber ist. Zu Hause wäre es eben doch schöner gewesen.

 

© Sabine Bomeier

 

 

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