sabine bomeier
sabine bomeier

Frauen in Haft

Wir Frauen stellen nur etwas über vier Prozent aller Gefangenen in Deutschland. Die Welt hinter Gittern wird von Männern bestimmt, wir sind nur eine kleine, Minderheit, deren Bedürfnisse und Besonderheiten oft vergessen oder als unbedeutend bewertet werden. Sicherheitsbestimmungen richten sich nach den Geschehnissen im Männervollzug aus, Schule, Ausbildung, gute Jobs und Freizeitgestaltung sind häufig Glückssache.

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Dies kann kein objektiver journalistischer Text werden, denn ich bin befangen. Zwar bin ich Journalistin und Autorin, aber auch eine Ex-Knacki. Ich habe einige Jahre im geschlossenen Vollzug gelebt – und damit kann ich nicht mehr ganz frei mit dem Thema umgehen. Es wird also ein subjektiver, von persönlichen Eindrücken geprägter Text werden.

 

Man(n) nimmt uns im Allgemeinen aber gar nicht wahr in der Welt hinter Gittern, was nicht verwundert, denn von den rund 76.000[1] Gefangenen in Deutschland sind nur rund viereinhalbtausend weiblich, unter den Sicherheitsverwahrten gibt es nicht eine Frau. Um eine so geringe Gruppe von Menschen muss man sich nicht besonders kümmern, scheint man in den Strafvollzugsbehörden zu meinen. Die werden schon irgendwie so mit durchrutschen. Stimmt ja auch leider, denn Protest wir selten laut.

 

Klar, es gibt inzwischen auch Mädchengangs, aber in den meisten Köpfen existiert doch immer noch das Bild von der Frau, die sich aufopfernd um andere kümmert und eher sanft und zurückhaltend ist. Ist das nicht der Fall und die Frau wird aus welchen Gründen auch immer gar straffällig, so sinkt sie im Ansehen mehr als der männliche Knacki, der zumindest noch als echter Kerl durchgehen kann, sobald er die Pforten einer JVA passiert. Ein richtiger Mann schlägt eben auch mal zu. Die Frau im Knast wird eher mit einer Bestie verglichen, die mit der Tat völlig aus ihrer Rolle herausgefallen ist. Wenn es überhaupt Vorstellungen von dem Alltag inhaftierter Frauen gibt, so sind diese gezeichnet von Medien, die oftmals weibliche Rambos hinter Gittern zeigen. Erst neulich sah ich wieder einen Film, in dem Frauen, angeführt von einer Beamtin, sich gegenseitig brutal zusammenschlugen und vergewaltigten. Nur solche Frauen können schließlich in den Knast kommen, aber das werden doch wohl Ausnahmen sein, die Frauen vor den Gittern sind lieb und brav, so die vorherrschende Meinung.  Aber mit solchen Bildern lassen sich eher die Auflage und die Zuschauerzahlen steigern. Mit der Realität allerdings hat das nur wenig zu tun. Ich bin während meiner Haftzeit keiner einzigen weiblichen Kampfmaschine begegnet.

 

Hingegen erinnere ich mich an Nachmittage, an denen wir mit Kaffee, Tee und selbstgebackenem Kuchen um einen Tisch saßen und uns von unseren Träumen von der Zeit nach dem Knast erzählt haben, sofern aus Personalmangel nicht gerade wieder Einschluss verordnet worden war. Einige wollten zurück in die Heimat, endlich die Familie weidersehen, sie saßen wegen Drogenschmuggels ein; andere wollten ihre Kinder aus dem Heim zurückholen in die Familie, um mit allen friedlich zusammen zu leben, und wieder andere wollten eine Ausbildung machen. Viele der Wünsche haben ihren Ursprung sicher auch in den Vorwürfen, die wir uns selber machen. Wie konnten wir so weit kommen? Was haben wir anderen angetan? Ich weiß nicht, ob auch Männer sich mit tiefen Schuldgefühlen quälen, Frauen tun es immer, als gehöre es zum Frausein dazu.

 

Manche Träume wurden wahr, viele nicht. Aber wie sollten wir auch unsere Träume wahr werden lassen, wenn wir keine oder nur sehr geringe Chancen hatten, dafür die nötigen Grundlagen zu schaffen? Wir wurden die meiste Zeit weggesperrt und verbrachten viele Stunden in der Zelle, ohne irgendetwas dafür tun zu können, dass unsere Träume wahr würden. Darin unterscheidet sich der Frauenvollzug nicht von dem der Männer.

 

Und tatsächlich spricht die Art der weiblichen Delinquenz für das Bild der angepassten und braven Frau. Frauen neigen im Durchschnitt weniger zu Gewalttaten als Männer. Schwere Wirtschaftsverbrechen werden von ihnen so gut wie gar nicht verübt. Sie sind überwiegend Diebinnen oder in der Beschaffungskriminalität unterwegs. Das oft, weil eine sehr tiefe Suchtproblematik vorliegt. Unter den Frauen in Haft ist ein sehr hoher Prozentsatz stark drogen- oder alkoholsüchtig. Da geht es dann ab ins Methadonprogramm. Clean werden alleine reicht aber nicht aus, es müsste schon eine echte Perspektive her, mit der sich ein Leben nach Haft und Therapie aufbauen ließe. Wohnung, Job und ein anderer Bekanntenkreis wären nicht schlecht.

 

Einige versorgen selbst aus dem Knast heraus noch ihre Lebensgefährten mit Drogen, die einen, weil sie sich für diese Männer verantwortlich fühlen, die anderen, weil sie von diesen unter Druck gesetzt werden. „Wenn du hier rauskommst, mach ich fertig, wenn du nicht…“, ein nicht selten gehörter Satz für so manche Frau vor und hinter den Gittern. Über Gewalt- und Missbrauchserfahrungen verfügen fast alle Frauen im Knast. Manch eine erfährt erst im Knast, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine ist und dass es ein Leben ohne Gewalt gibt und erlebt das als Befreiung. Aber kann sie das neu gewonnene Selbstbewusstsein auch nach noch der Haft aufrechterhalten?

 

 

Überhaupt begehen Frauen häufig aus einer für sie nicht mehr auszuhaltenden Situation, aus einem Beziehungsgeflecht heraus Straftaten, auch schwere. So erinnere ich mich an eine Frau, die im ihren Zuhälter tötete. Sie war volltrunken, anders hätte sie diese Tat wohl nicht ausüben können. Sich aus diesen fatalen Abhängigkeiten zu befreien ist auch im Knast kein leichtes Unterfangen, Psychologinnen, die dabei helfen könnten, gibt es zu wenige und sich eine berufliche Perspektive aufzubauen, die es ermöglichen würde, frei und selbstbestimmt zu leben, ist nur in den großen Frauenhaftanstalten möglich. In den Kleinen, die nicht selten lediglich ein Anhängsel des Jugend- oder Männervollzuges sind, gibt es kaum Ausbildungsmöglichkeiten. Eine Verlegung in eine größere Anstalt bedeutet immer auch den Wegzug von der Familie und damit werden die Besuche für die Angehörigen schwieriger. Mit dem Zug in eine weit entfernt liegende Stadt fahren kostet Geld, das nicht jede hat.

 

Auch das Freizeitangebot für Frauen ist im Vergleich zu dem der Männer zumindest in den kleineren Haftanstalten eher mau. Bücher können sich die Frauen aus den Bibliotheken in den Männervollzugsanstalten bestellt werden, aber die Bücherei selbst darf nicht betreten werden. Sport wird angeboten, aber Fitnessräume und Sporthallen gibt es nicht überall. Da bleibt oft nur der Gang in die Kreativ-Gruppen, die Ehrenamtliche anbieten. Den Männern geht es in dieser Hinsicht aber wohl auch nicht viel besser. 

 

Die Sicherheitsstandards allerdings werden an den Geschehnissen im Männervollzug ausgerichtet, auch wenn Frauen sich erwiesenermaßen weitaus seltener prügeln als Männer. Die Gewaltbereitschaft ist unter Frauen einfach nicht so hoch, dafür aber die Empathie untereinander. Frauen mögen sich gegenseitig ab und zu einen nicht gerade netten Spruch reindrücken, aber das war´s dann auch schon. Die berühmte Prügelei im Duschraum habe ich jedenfalls nie erlebt.

 

Frauen haben ein Gespür dafür, wie es der Zellennachbarin gerade geht, Frauen nehmen sich in den Arm, trösten sich gegenseitig. Frauen dürfen das! Das entspricht der Rollenerwartung. Vielleicht ist eben das dann auch der größte Unterschied zwischen dem Frauen- und Männervollzug. Wir müssen nicht ständig zeigen, wie stark wir sind, wir dürfen auch schwach sein.

 

© Sabine Bomeier

 

 

[1] Alle Zahlen vergl.: Statistisches Bundesamt zum Stichtag 30. November 2014; erschienen  am 27.1.2015, Wiesbaden

 

 

 

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