sabine bomeier
sabine bomeier

Fahrt in ein besseres Leben

Flucht ist kein neues Phänomen. Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts flohen viele tausend Menschen über deutsche Häfen vor Hunger und Verfolgung. Die Wirtschaft profitierte davon.

 

Die junge Familie steht am Kai und will das Schiff besteigen, das sie in ein besseres Leben bringen soll. Alles, was sie hatten, haben sie hergegeben, um dem Elend, dem Hunger und auch der Angst vor Verfolgung zu entkommen. Die letzten Ersparnisse zusammengekratzt, die paar Habseligkeiten verkauft und sogar noch etwas Geld von Verwandten mussten sie sich borgen, um die Reise in ein fremdes Land anzutreten, in ein Land, in dem eine Sprache gesprochen wird, die sie kaum verstehen und dessen Sitten und Gebräuche ihnen fremd sind. Aber sie wagen es, weil sie nicht mehr hungern und endlich ohne Angst leben wollen. Das wünschen sie sich für sich und vor allem für ihre Kinder.

 

Nein, diese Familie steht nicht in Nordafrika und wartet auf ein Schiff, dass sie nach Italien bringt. Sie wollen auch nicht über die Balkanroute nach Deutschland.  Es sind Deutsche, sie stehen in Bremerhaven, es ist Mitte des 19. Jahrhunderts und sie wollen nach Amerika auswandern. Sie sind Teil einer von drei großen Auswanderungswellen zwischen 1846 und 1893. Eine vierte Welle gab es dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gefolgt von den verzweifelten Versuchen von Jüdinnen und Juden der Verfolgung durch die Nazis in Deutschland zu entgehen.

 

Viele solcher Geschichten sind unter anderem im Auswandererhaus in Bremerhaven dokumentiert. Die einen finden in der alten Heimat kein Auskommen mehr und fliehen vor dem Hunger, die anderen dürfen ihre Religion nicht ausüben, wieder andere haben sich gegen die politischen Verhältnisse in ihrem Land aufgelehnt und werden deshalb verfolgt. Auch sie ziehen eine Flucht der Verfolgung und dem Gefängnis vor.

 

Viele von den damaligen Flüchtlingen, heute würde man sie Asylanten nennen, zog es nach Amerika. Gute Jobs und reichlich Ackerland wurde ihnen versprochen. Auch wenn der Anfang in der neuen Heimat oft sehr viel schwerer war, als sie es erwartet hatten, blieben die meisten in Amerika und bauten sich dort ein neues Leben auf. Heute sagen mehr als 50 Millionen Amerikaner von sich, sie hätten deutsche Vorfahren.

 

Doch zuvor hatten sie die Strapazen der Überfahrt zu überstehen. Wer nur wenig Geld hatte, was auf die meisten Auswanderer zutraf, musste diese in äußerst beengten Verhältnissen, oft im Zwischendeck ohne ausreichend frische Luft und Wasser verbringen. So manch einer ließ sein Leben dabei.

 

Von diesen Überfahrten lebten die Reeder nicht schlecht. Insbesondere Hamburg und Bremerhaven mauserten sich im Laufe der Zeit zu bekannten Auswandererhäfen. Dabei tauchten Auswanderer in den Anfängen nicht einmal in den Passagierlisten auf, sondern galten als Frachtgut, das in den Zwischendecks „gelagert“ wurde. Bezahlen mussten sie aber sehr wohl für die Überfahrt. Manchmal wurde auch ein Vertrag mit dem Kapitän oder der Reederei geschlossen, in dem vereinbart wurde, dass die Reisekosten in Amerika „abgearbeitet“ würden. Mit anderen Worten, die Flüchtlinge kamen hochverschuldet in der neuen Heimat an.

 

Im Frühjahr 1924 konzipierte der Norddeutsche Lloyd gar das Flaggschiff „Columbus“ als Auswandererschiff. Immerhin wurden die Auswanderer nun nicht mehr im Zwischendeck untergebracht, sondern schliefen in Vier-Bett-Kabinen. Zudem dauerte die Überfahrt nach Amerika mit der Columbus nur noch eine gute Woche.

 

Die Columbus war damals das größte Schiff der deutschen Handelsflotte und somit deren ganzer Stolz und fuhr regelmäßig von Bremerhaven, das inzwischen zum Sinnbild deutscher Auswanderungen geworden war, nach New York.

Aber auch die Stadt Bremen wusste schon früh Geld mit den Auswanderern zu machen. „Das Auswanderergeschäft war ein wichtiger Teil der Bremer Wirtschaft“, heißt es in den Berichten des Auswanderermuseums in Bremerhaven und weiter: „Bremen unternahm alles, um keinen Geschäftsvorteil aus der Hand zu geben.“ So mussten noch 1840 die an dem Auswanderergeschäft beteiligten Kaufleute in Bremen ansässig sein.

 

Das Interesse am Geschäft mit den Flüchtlingen beruhte auch darauf, dass  das Exportgeschäft Anfang des 19. Jahrhunderts stark rückläufig war. Was lag da näher, statt lebloser Waren lebendige Menschen zu transportieren? Man brauchte nur einen günstig gelegenen Hafen – diese Überlegungen führten 1827 zur Gründung von Bremerhaven, eröffnet wurde 1830. Das offene Meer ist ganzjährig problemlos erreichbar.  Nachdem der Andrang stetig wuchs, wurde sogar ein Auswandererhaus gebaut, in dem die Passagiere bis zur Abfahrt logieren konnten. Auch das brachte Geld in die Kassen.

 

Heute warten Betriebe auf die Arbeiter aus den Flüchtlingsheimen, in denen Deutsche Arbeit gefunden haben, die zuvor lange arbeitslos waren. Der Flüchtling ist ein Jobmotor.

 

Zudem erließ Bremen passende Gesetze, die die Überseepassage von Auswanderern regelte, die die Reise über Bremen günstiger machte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts flohen rund 10.000 Menschen über Bremerhaven in ein besseres Leben. Etliche Tausende folgten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Vielleicht werden wir eines Tages auch in Lampedusa oder irgendwo im Balkan in ein Auswanderermuseum gehen können. Vielleicht wird dann dort den Flüchtlingen von heute der Respekt gezollt, den die Flüchtlinge von damals in Bremerhaven genießen.

 

Erstmalig ähnlich erschienen im Newsletter von Agnes Alpers, Ausgabe 16 /2014

© Sabine Bomeier

 

 

 

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