sabine bomeier
sabine bomeier

Erkundungen zwischen Boulevard  und Sperrbezirk

Cafes, Boulevards, Bordelle, Nachtbars – hier holten sich die Maler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ihre Inspirationen und Motive. Sie suchten die Nähe zu Menschen und Räumen, die dem bürgerlichen Milieu konträr gegenüber standen.

 

Zwar gab es Nachtlokale und Prostitution schon immer, aber das waren Dinge, über die zu sprechen bereits als unschicklich galt, noch weniger durften sie dargestellt werden. Nur selten wagten Frauen es den männlichen Kollegen gleich zu tun, nämlich sich ins Milieu zu begeben. Zu groß war die Gefahr, selbst als Dirne abgestempelt zu werden. Den Wenigen, die es dennoch wagten die bürgerlichen Konventionen zu sprengen, widmete das Paula-Modersohn-Becker Museum in Bremen 2005 eine Ausstellung.

 

Die Malerinnen flanierten durch nächtliche Großstädte wie Berlin, Paris oder Hamburg. Über 70 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen sind zu sehen, teils aus Privatbesitz entliehen, teils von anderen Museen zur Verfügung gestellt. Der Kuratorin Rita Täuber ist es damit gelungen, eine umfassende Ausstellung der flanierenden Malerinnen der Moderne zu präsentieren.

 

Von Ida Gerhardi (1862-1927) wird das in Öl gemalte Porträt von der Chanteuse Madame Boronne de Riau gezeigt. Die porträtierte Dame ist eine alte Mätresse, die von sich stets behauptete, nicht älter als 40 zu sein, natürlich aber sehr viel älter war. Das Bild schmeichelt nicht, beschönigt nichts und stellt doch nicht bloß, sondern zeigt mit viel Einfühlungsvermögen die Realität des Alters. Trotz ihrer Eitelkeit erlaubte die Mätresse das Bild. Sie fühlte sich verstanden und war von dem Porträt so begeistert, dass sie es am liebsten selbst erstanden hätte, weiß die Pressesprecherin des Museums, Uta Schlott, zu berichten.

 

Von Jeanne Mammen (1890-1978) ist unter anderem das Aquarell  „Aschermittwoch” zu sehen. Nach offensichtlich durchtanzter Nacht hängt eine Frau mit strubbeligen Haaren und arg derangierter Kleidung lässig verquer im Sessel. Die Freuden der Nacht sind ihr ins Gesicht geschrieben. Auch Jeanne Mammen verurteilt nicht, vielmehr erkennen wir uns selbst.

 

Sella Hasse (1878-1963) zeigt die Mädchen von St. Pauli. Auch sie beschränkt sich nicht auf die Rolle der distanzierten Zuschauerin, sondern lässt mit großer Empfindsamkeit die Prostituierten zu Individuen werden. Auf Freier wartend sitzen sie aufgereiht zur Begutachtung. Jede erzählt ihre eigene Geschichte. Gelangweilt spielt eine mit der Perlenkette, eine andere stellt die Körperfülle im zu tief ausgeschnittenen, aufdringlich roten Kleid zur Schau.

 

Elfriede Lohse-Wächter (1899-1940) lebte selbst in Hamburg St. Pauli. Die psychisch labile Frau wurde unter den Nazis im Rahmen einer Euthanasieaktion ermordet. Ihre Kunst galt als entartet. Sie malte die Dirnen des Hamburger Rotlichtmilieus nicht aus der Sicht einer Besucherin, sondern als eine Frau, die ihre Nachbarin war. Ihre Motive sind nicht romantisch verklärt. Sie zeigt die Realität, so zum Beispiel eine halb entblößte Prostituierte, die auf einem Stuhl sitzend auf die Untersuchung beim Amtsarzt wartet. Eine andere Frau liegt auf einem Tisch. Ihr wird die sogenannte „Mutterdusche” angelegt, ein in früheren Zeiten weit verbreitetes Instrument, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Mitfühlend führt sie dem Betrachter die dunkle Seite des glitzernden Nachtlebens vor.

 

Die Mappe mit Lithografien von  Charlotte Berend-Corinth (1880-1967) zeigt, dass auch der weibliche Blick auf eine Frau ein begehrlicher sein kann. Acht Lithografien zeigen die von Männern und Frauen gleichermaßen umworbene Anita Berber in unterschiedlichen erotischen Posen. Ob die beiden bisexuellen Frauen eine Liebesbeziehung miteinander hatten, bleibt umstritten, unverkennbar aber ist das Verlangen in den Augen der Künstlerin.

 

So unterschiedlich die Künstlerinnen auch sind, allen gemeinsam ist Empathie mit den Dargestellten.

 

Aus der Financial Times Deutschland 2005

© Sabine Bomeier

 

 

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