sabine bomeier
sabine bomeier

Erinnerungen

Anna (1) mag kein Interview geben, aber sie hat mir erlaubt, meine Erinnerungen an sie niederzuschreiben, ergänzt durch die Akten, die über sie angelegt wurden.

 

Es ist nun schon etliche Jahre her, dass Anna und ich uns im Frauenvollzug der JVA kennenlernten. Sie war des Totschlags an ihrem Mann angeklagt - ein Mann, der auch ihr Zuhälter war. Betrunken hatte sie ihn im Streit getötet. Bevor es soweit kam, hatte Anna viel erlebt.

 

Als Tochter eines Arztes wurde sie Mitte der siebziger Jahre in Polen geboren. Ihre Kindheit mit Eltern und einem jüngeren Bruder beschreibt sie als normal, auch wenn sie als junges Mädchen unter Bulimie litt, deswegen sogar stationär behandelt wurde. Wahrscheinlich hätte sie damals schon in eine therapeutische Behandlung gemusst. Aber sie besuchte das Gymnasium, belegte das Leistungsfach Deutsch und machte Abitur. Weil sie schwanger war, heiratete sie gleich nachdem sie die Schule beendet hatte, begann aber dennoch ein Studium der Zahnmedizin, wohl ganz im Sinne der katholischenFamilie. Tatsächlich lebte sie für kurze Zeit das Ideal der Kleinfamilie, war aber schon bald mit Kind und Studium überfordert und ging zu einem früheren Freund. Der Ehemann reagierte eifersüchtig, es kam zur Scheidung.

 

Die Tochter war damals gerade ein Jahr alt. Das kleine Mädchen wurde zu den Eltern von Anna gegeben, die es bis heute aufziehen. Anna meinte ihre Jugend nachholen zu müssen und lernte Menschen, auch Männer, kennen, die ihr nicht guttaten, so auch einen, der ihr in Deutschland ein besseres und freieres Leben versprach, denn sie wollte dem Druck der Eltern endlich entfliehen. Womit genau sie hier in der BRD denn ihren Lebensunterhaltbestreiten sollte, blieb diffus im Raum hängen. Anna fragte auch nicht weiter nach. Sie schmiss endgültig das Studium und ging mit dem Mann nach Deutschland. Hier lernte sie durch die Vermittlung des Schleppers ihren späteren Ehemann kennen. Man kann auch sagen, sie wurde ihm zugeführt, er hat sie dem Menschenhändler abgekauft. Nichts anderes war der Mann, der sie hierher brachte. Aber Anna glaubte an die ganz große Liebe und daran, dass der Mann nur momentan etwas knapp bei Kasse sei. Für ihn ging sie anschaffen. Wie er sie dazu gebracht hatte, mag sie nicht erzählen. Es sollte ja auch nur vorübergehend sein. Wenn die Lage besser sei, dann würde sie in seinem Büro arbeiten, versprach er ihr. Unklar blieb, was für ein Büro er hatte oder wovon er lebte, wenn er keine Frauen anschaffen schickte. Anna hatte das auch nicht hinterfragt.

 

Dass es da auch noch eine langjährige Lebensgefährtin gab, die ebenfalls seit Jahren auf dem Strich arbeitete, wollte Anna nicht sehen. Wegen geringfügiger Delikte wurde Anna schon wenig später wieder nach Polen abgeschoben, die EU war damals noch nicht so offen wie heute.

 

Aber die hübsche Anna war offensichtlich ein wertvolles Gut, vielleicht auch wegen ihrer guten Deutschkenntnisse. Jedenfalls reiste ihr der Zuhälter nach, heiratete sie und brachte sie zurück nach Deutschland. Jetzt durfte Anna hier sein. Sie hielt das für einen Liebesbeweis. Die deutsche Lebensgefährtin war immer noch da, aber offensichtlich einverstanden mit der Ehe. Anna und sie gingen weiter anschaffen, immer öfter mit einem kräftigen Schluck Hochprozentigem vorweg, wie sonst hätte sie es auch ertragen sollen? Wie die Realität mit den Träumen von Liebe und Glück vereinbaren können? Zwischendurch gab es Prügel, Freunde brachten sie ins Krankenhaus, ihn kümmerte das wenig. Die Streitereien wurden mehr. Aber wo sollte Anna hin? Die Eltern in Polen sollten nicht wissen, wie und wovon sie hier lebte. Ein Leben ohne Mann konnte sie sich nicht vorstellen. Frauen existieren für sie immer nur in an der Seite eines Mannes. Und immer noch glaubte sie daran, dass das

alles ja nur übergangsweise sei. Die Zeiten würden schon besser werden.

 

Das wurden sie in gewisser Weise auch, denn mittlerweile durfte Anna neue Mädchen und Frauen aus Polen und wohl auch anderen Ländern anlernen. Darauf ist sie bis heute stolz. „Ich war eben besser als die“, meint sie und durchschaut nicht das perfide Spiel.

 

Wenn er gar zu brutal war und sie wieder schlug, haute sie auch schon mal ab und ging zu anderen Männern, oft Freier, zu denen sie eine Beziehung aufgebaut hatte. Einige von denen wollten sie sogar „befreien“, aber stets tauchte nach wenigen Tagen ihr Mann und Zuhälter auf und holte sie zurück. Sie sei so schön und er könnte ohne sie nicht leben und irgendwann werde doch alles besser, so die ewigen Versprechungen.

 

Schön zu sein war ihr immer wichtig und gehört bis heute zu ihrem Selbstverständnis. Trotz all der Versprechungen eskalierte die Situation irgendwann, wohl auch weil mal wieder zu viel Alkohol im Spiel war. Sie tötete ihren Mann im Affekt.

 

Nach der Haft verschwand Anna in der Illegalität, sie lebte irgendwo in Deutschland, obwohl sie ein Einreiseverbot hat, zurück nach Polen traut sie sich noch immer nicht, hat Angst vor einer neuen Abhängigkeit von den Eltern und davor, eingestehen zu müssen, nach all den Jahren mit leeren Händen heimzukommen. Hinzu kommt die Scham über das vergangene

Leben.

 

  1. Name von der Redaktion geändert

Erstmals erschienen: 2010 in „Käufliche Liebe - Die Frau als Ware – Menschenhandel und  Zwangsprostitution“

Broschüre Die Linke in der bremischen Bürgerschaft

 

© Sabine Bomeier

 

 

 

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