sabine bomeier
sabine bomeier

Alt, nicht mehr gebraucht und einsam

Alt, nicht  mehr gebraucht und einsam

Wie leben alte Frauen? Nein, es geht bei dieser Frage einmal nicht um das Thema Altersarmut. Es geht darum, wie sie sich fühlen, wie sie ihre Tage gestalten. Es geht um die Einsamkeit alter Frauen.

 

Hin und wieder besuche ich eine alte Freundin. Sie ist im doppelten Sinne eine „alte Freundin“ von mir, einerseits, weil wir uns tatsächlich schon lange kennen und andererseits, weil sie eben schon recht betagt ist.  Wenn ich nach ein oder zwei Stunden mich wieder auf den Heimweg mache und ihr Zuhause, ein Appartement mit betreutem Wohnen, verlasse, dann bin ich oft nachdenklich, manchmal auch traurig.

 

Wie mögen die Tage die Tage der Frauen aussehen, die dort leben? Es sind überwiegend Frauen, Männer sind aber auch in anderen Seniorenhäusern nur wenige zu finden. Es geht ihnen finanziell nicht schlecht, andernfalls würden sie nicht in diesem Haus leben. Aber sie leben alleine und oft einsam. Die Männer sind tot oder haben sich schon vor Jahrzehnten einer Jüngeren zugewandt. Die Kinder sind aus dem Haus und haben nur wenig Zeit für die alte Mutter, sie müssen sich inzwischen um die eigenen Kinder kümmern. Aber sie kommen regelmäßig zu Besuch und organisieren alles, was eben so erledigt werden muss. Da gibt es nichts auszusetzen, und schließlich haben sie auch ein Recht auf das eigene Leben. Um alles andere kümmern sich die Betreuerinnen.

 

Aber die Zipperlein malträtieren den müden Körper und schlimmer noch: Die Seele weint, denn die alten Damen werden nicht mehr gebraucht, machen den anderen nur noch Mühe. Keiner fragt mehr, ob sie mal auf das Enkelkind aufpassen können. Das Kind ist inzwischen mindestens in der Pubertät und braucht keine Aufpasser mehr. Die Kinder fragen nicht mehr nach dem selbstgebackenen Schokokuchen, den sie doch früher jeden Sonntag auf dem Tisch haben wollten. Aber mit dem Backen klappt es eh nicht mehr so gut, denn sie sind so vergesslich geworden, diese einst so guten Hausfrauen, die ihre Familien immer so verwöhnt haben. Heute verwechseln sie die Zutaten zu den Gerichten und können eine heiße, volle  Kuchenform kaum noch aus dem Backofen heben. Aber das mögen sie nicht zugeben, denn ansonsten würde man ihnen das Backen auch noch verbieten, wo doch der Sohn erst neulich das Auto mitgenommen und gemeint hat, dass nun aber Schluss sei mit dem Autofahren und das nur wegen dem kleinen Unfall an der Straßenkreuzung. Nun ja, die Augen wollen halt auch nicht mehr so recht und das Essen bringt nun ein Servicedienst.

 

Der Abend gehört dem Fernseher, jetzt noch einmal auszugehen wäre zu anstrengend und außerdem sind so viele der Freunde und Bekannten von früher genauso klapperig wie man selbst oder gar schon verstorben. Mit wem sollte man sich da noch verabreden? Immer wenn so eine Karte mit einer Todesnachricht kommt, verspüren sie einen Stich im Herzen. Es dauert nicht mehr lange, dann trifft es auch sie.

 

Es ist anstrengend mit ihnen, denn für alles brauchen sie so viel Zeit, die haben wir nicht, oder wollen sie nicht haben. Nur mal eben einen Spaziergang machen? Es braucht schon eine viertel Stunde, bis sie sich die Schuhe angezogen und die Jacke zugeknöpft haben und dann geht es im Schneckentempo nur einmal um den Block. Zu mehr reicht es nicht. Wird Tee gekocht, dann wird auch das so umständlich erledigt, dass uns der Geduldsfaden zu reißen droht. Überhaupt, würden wir ihnen doch am liebsten alles aus der Hand nehmen und es selber machen. Es ginge dann doch so viel schneller.

 

Aber die alten Damen bestehen auf ihrem Recht, ihren Alltag selber organisieren zu dürfen. Um das durchzusetzen, keifen sie uns hin und wieder auch einmal ganz gehörig an. „Nun lass die Tassen stehen, du siehst doch, dass das die Falschen sind, ich nehme immer nur die mit dem Blumenmuster.“ Oder: „Hast du schon wieder diesen Kuchen mitgebracht, den mag ich nicht.“

 

 Nett ist das nicht, aber wenn wir halbwegs klug sind, halten wir den Mund und schlucken das aufkeimende Grollen in uns hinunter und beginnen ein Gespräch über frühere Zeiten, als alles noch so schön war. Wer weiß denn, wie wir einmal werden, wenn wir so alt sind?

 

© Sabine Bomeier

 

 

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